50 Jahre Lebenshilfe Südtondern

Seit 50 Jahren setzen sich die Mitglieder des Verein Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen in Südtondern ein

„Früher während NS-Zeit kamen die Kinder in Heime, und man hat nie wieder etwas von ihnen gehört“, sagt Hermine Jensen mit stockender Stimme und erinnert an ein dunkles Kapitel, an das Schicksal so vieler Menschen mit Behinderungen zu Zeiten der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Die 86-Jährige war von 1987 bis 2002 Vorsitzende des Vereins Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Südtondern. Heute, 50 Jahre nach Gründung dieser wichtigen Einrichtung, nimmt Karl Carlsen diese Aufgaben wahr, unterstützt von einem aus Ehrenamtlern bestehenden Team. „Ich bin nur derjenige, der die Ernte nach so vielen Jahren des Engagements vieler einfahren darf“, sagt der Vorsitzende. Gemeinsam erinnerten die beiden gestern bei einem feierlichen Empfang mit Gästen im Andersen-Hüs in Klockries – die Veranstaltung war Auftakt zu einer Reihe von weiteren öffentlichen Aktionen im Jubiläumsjahr – an die Anfänge der Organisation als Selbsthilfegruppe.

„1965 taten sich Eltern zusammen. Sie wollten Entwicklung und Förderung für ihre Kinder“, sagt Hermine Jensen. Und Karl Carlsen ergänzt: „Ziel war es, darüber nachzudenken, wie eine außerfamiliäre Betreuung von behinderten Menschen aussehen könnte. 20 Jahre nach Kriegsende, in dem es die Euthanasie gab, existierten noch keine Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen in dieser Region.“ Lediglich der 1958 gegründete Bundesverband. Die Eltern standen alleine da. „Der Verein Lebenshilfe sah und sieht sich als Elternvereinigung, die das Leben von behinderten Menschen mitgestalten will.“

Die erste Einrichtung war ein Sonderhort, in dem Kinder von drei bis 15 Jahren aufgenommen wurden. Träger war die Propstei unter Mithilfe der Lebenshilfe. Carlsen: „Diese Kinder mit Behinderungen waren von der allgemeinen Schulpflicht befreit. Kritisch ausgedrückt: Sie galten im allgemeinen nicht als bildungsfähig.“ Das änderte sich Anfang der 70-er Jahre. Aus dem bestehenden Hort in Niebüll entwickelten sich nun eine Sonderschule und ein Sonderkindergarten, deren Träger Anfang der 80-er Jahre der Verein Lebenshilfe wurde, ein Familienentlastungsdienst, die Schulbegleitung und Schulen für geistig behinderte Menschen, in der alten Schule im Gotteskoog die erste Einrichtung der „Beschützenden Werkstätten“ unter der Trägerschaft der Mürwiker Werkstatt. Ebenfalls Anfang der 80-er Jahre übernahm der Verein Lebenshilfe die Trägerschaft der Frühförderung, als man erkannte, dass die Förderung der Kinder mit Behinderung gleich von der Geburt an erfolgen müsste, um drohende Behinderungen rechtzeitig zu mildern oder zu kompensieren.

2002 überstieg das Engagement alles, was ehrenamtlich noch zu schaffen sei, erinnert sich Hermine Jensen. Dies war die Geburtsstunde der „Tochter“ Lebenshilfeeinrichtungen Niebüll gGmbH (Leni), an der der Verein Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Südtondern neben den Mürwiker Werkstätten GmbH zu 50 Prozent beteiligt ist.

Die Freitzeitgestaltung spielt seit jeher eine große Rolle. Der 1977 gegründete Freizeitclub existiert bis heute. Hier treffen sich seither jeden Dienstag 60 bis 70 Menschen mit Behinderung, um ein paar Stunden bei Spiel, Sport und Spaß zu verbringen. Und doch wünsche er sich, so Karl Carlsen, „weitere sinnvolle Freizeitangebote, nicht unbedingt separierte, sondern gerne im Zuge der Inklusion Aktivitäten für Menschen mit und ohne Behinderung“. Man sei für Vorschläge offen.

„Ich freue mich, dass heute wirklich aus allen Lebensbereichen, aus Wirtschaft, Politik und befreundeten Einrichtungen Vertreter erschienen sind.“ Denn ohne sie gehe es auch in Zukunft nicht. „Es geht meiner Meinung nach weniger darum, neue Institutionen zu schaffen, als vielmehr Lösungen für Hunderte von Einzelfällen zu betrachten. Gerade im Bereich der Arbeit – einem Problemfeld – benötigen wir die Hilfe der Vertreter der Wirtschaft.“

Die 2. stellvertretende Kreispräsidentin Margarethe Ehler, Amtsdirektor Otto Wilke, die Bürgermeister Wilfried Bockholt und Hauke Christiansen gratulierten, Abordnungen der Bürgerwindparks Ellhöft und Lübke-Koog, der Nord-Ostsee-Sparkasse Niebüll hatten hohe Geldgeschenke mitgebracht oder sicherten Hilfe zu. Zur Ruhe setzen werde man sich nicht, so Hermine Jensen. „Wir müssen weitermachen. Der Vorstand wird weiterhin mit Augen und Ohren erforschen, wo Hilfe notwendig ist.“

 

Nordfriesland Tageblatt vom 23.05.2015

http://www.shz.de/lokales/nordfriesland-tageblatt/fuer-wuerde-und-mehr-lebensqualitaet-id9778361.html